Die Suche nach dem Abenteuer ist die Suche nach sich selbst (Jack London):

Trekking zum Nordkinn A.D. 2001

Hier ist es ............

Das Nordkinn, aufgenommen in 2000 vom Postschiff "Nordkapp" der Hurtigruten.

Vorwort  

Welcher Schulbub träumt nicht davon, mal an Europas nördlichstem Ende gestanden zu haben und bei glutroter Mitternachtssonne Richtung Nordpol übers Eismeer zu schauen ?

Manche verwirklichen sich diesen Traum tatsächlich, wenn auch im "gereifteren" Alter, sei es mit dem Fahrrad oder motorisiert. So auch ich mit dem Bus im Jahre 2000. Etwas ernüchtert betrat ich - mit vielleicht tausend anderen - das weiträumig abgesperrte Areal des Nordkaps. Doch zuvor wurde man erst mal kräftig abkassiert (170 Norwegische Kronen (NKR), also fast 50 DM), wofür ist mir nicht ganz klar. Die Mitternachtssonne und das Eismeer habe ich tatsächlich gesehen, den Nordpol nicht ganz!

Anschließend fuhr ich mit der "Hurtigruten" (norwegische Postschiffahrtslinie) von Kirkenes nach Honningsvåg, um mir Küste und Fjorde mal von der Seeseite aus anzuschauen. Atemberaubend! Die Hurtigruten (s. Schaltfläche "Links") kommt ihrer Eigenwerbung "Schönste Seereise der Welt" sicher sehr nahe. Dabei kam ich auch am Nordkinn wie auf dem Bild vorbei.

Inzwischen habe ich dem ausgezeichneten Reisebericht von Thomas Bujack (s. Schaltfläche "Links") entnommen, daß das Nordkap gar nicht der nördlichste Punkt Europas ist, außerdem liegt es auf einer Insel mit Namen Mageröy (Magerinsel). Aber es ist leicht zu erreichen, man braucht sich nur ein paar Meter per pedes selbst zu bemühen! Der nördlichste Punkt Festlandeuropas ist nämlich das Nordkinn, genauer die vorgelagerte Kinnarodde (Odde: soviel wie „äußerster Landzipfel“).

Anm. zur Magerinsel: diese Insel ist gar nicht so mager, wie ihr Name aussagt, sah ich doch hier die bisher größte Rentierherde in Norwegen. Wie mir Einheimische glaubhaft versicherten, schwimmen Hunderte von Rentieren zum Weiden im Frühjahr vom Festland (d.h., Porsanger Halbinsel) über den kilometerbreiten Mageröysund, um im Herbst wieder zurückzuschwimmen!

In der Erkenntnis, daß sich die wahren Dinge des Lebens nur dem öffnen, der immer strebend sich bemüht (frei nach Goethes "Faust"), beschloß ich, meine alljährliche Trekkingtour in Lappland das nächste Mal hierhin zu unternehmen. Die Mitternachtssonne mit Meeresblick kann man schließlich nicht nur am Nordkap erleben!

Hier mein Bericht

Mit meinem detaillierten Bericht möchte ich jedem Nordlandfan die Sinne für die stille Schönheit und Großartigkeit der nordischen Landschaft zu öffnen versuchen und ihn ermuntern, seine Schritte im Rahmen des "Egotrips" seines Lebens auch mal hierhin zu lenken. Körper und Seele werden es ihm danken!

Die Beschreibung erfolgt auf der Grundlage der Karten "Hopseidet" (Blad 2236 I) und "Mehamn" (Blad 2237 II) des Staatlichen Norwegischen Kartenwerks (Statens Kartverk). Digitale, zoombare Karten von Norwegen sind übrigens unter der Schaltfläche "Links" zu finden. Alle meine Koordinatenangaben erfolgen im UTM-System (Universale Transversale Mercatorprojektion) und im Geodätischen Datum WGS84 (World Geodetic System 1984) und sollten somit für jeden GPS-Empfänger anwendbar sein.

 1.      Tag (25.06.01)

Anreise per Flugzeug von Stuttgart-Echterdingen über Berlin-Tegel und Helsinki-Vantaa (Helsingfors-Vanda) bis Ivalo (Avvil)-Törmänen und Übernachtung im Feriendorf Näverniemen Lomakylä (s. Schaltfläche "Links"), herrlich auf einer Halbinsel gelegen. Doch vor dem Schlafengehen in die Sauna mit erfrischendem Bad im Ivalojoki (Finnisch: Joki = Fluß)!

2.     Tag (26.06.01)

Fahrt mit dem Nordkap-Bus der Eskelisen Lapinlinjat um 16:30 Uhr ab Ivalo über Inari (am Inarisee), Kaamanen, vorbei am Kevo-Nationalpark über Karigasniemi, Karasjok nach Lakselv (norw.: Lachsfluß) in Norwegen. Zelten auf dem Campingplatz Solstad, ca. 1,5 km Richtung auf der Straße 98 Richtung Ifjord.

(Anm.: der Bus des Unternehmens Eskelisen Lapin Linjat fährt von Rovaniemi vom 1.6. bis 30.8. täglich zum Nordkap und ist rechtzeitig vor Mitternacht vor Ort, um dort die Mitternachtssonne erleben zu können. Um 2:00 Uhr bequeme Rückfahrt!).

3.      Tag (27.06.01)

Zum Nordkinn oder Nordkyn ist es ganz einfach. Man muß nur diesen Bus besteigen:

 

So stand mein Bus da, als ich kurz vor der Abfahrt um 6 Uhr die Busstation der FFR (Finnmark Fylkesrederi og Ruteselskap) in Lakselv erreichte. Er ist sehr praktisch: vorne die Passagiere und hinten die Transportgüter.

Ich stutzte. Hat man die Straße verlängert, ähnlich wie am Nordkap? Bequem zum nördlichsten Punkt Festlandeuropas wäre touristisch durchaus interessant.

Dem ist (noch) nicht so, aber die Begriffe Nordkinn, Nordkyn, Norkynhalvöya und Kinnarodde gehen auch anderweitig oft durcheinander. Nordkinn und Nordkyn sind dasselbe. Gemäß Karte Mehamn des Staatlichen Norwegischen Kartenwerks ist dies die nördlichste Kuppe (237 m ü. N.N.) auf der Nordkinnhalvöya (halvöya=Halbinsel) und wird oft als der nördlichste Punkt Festlandeuropas bezeichnet. Letzteres ist nicht ganz richtig, da ein Berg ja auch einen Fußpunkt hat. Demnach ist die Kinnarodde der nördlichste Punkt Festlandeuropas.

Erst in den achtziger Jahren wurden hier die Fischerdörfer straßenmäßig durch den „Nordkynvei“ vom Festland her erschlossen. Bis daher gab es nur einen Zugang von der See her. Die Versorgung wurde und wird auch heute noch in starkem Maße durch die Postschiffe der „Hurtigruten“ (s. u. Links) vorgenommen.

Die Bezeichnung „Nordkynvei“ ist demnach auch nicht ganz richtig. Wie man auf einer Tafel in Hopseidet lesen kann, wurde die Straße vom König unter diesem Namen eröffnet, und deshalb bleibt es dabei. Beginnend am Bekkarfjord führt sie über mondlandschaftartiges Gelände. Sie gleicht eher der Hochlandstraße in Island. Sie ist z.T. einspurig mit Ampel und sog. „Kolonnenverkehr“ im Winter. Ständig muß hier repariert werden, um sie offenzuhalten. Die Straße schlängelt sich entlang Fjorden, Cañons und verläuft über einsame Fjells.

Am Abzweig der Straße 888 nach Mehamn und 894 nach Kjöllefjord wartete bereits ein Taxi auf mich (im Bustarif von 280 NKR (ca. 70 DM) inbegriffen!). Der Bus fuhr planmäßig weiter nach Kjöllefjord. Als ich mit dem Fahrer ins Gespräch kam (er sprach nur Norwegisch und Schwedisch) und ihm von meinem Vorhaben berichtete, erzählte er mir von den zu erwartenden Schwierigkeiten und Risiken, und ich mußte ihm versprechen, mich bei ihm nach vier, spätestens fünf Tagen zurückzumelden…. Er zeigte mir auch noch die Richtung über die Berge.

An dem markanten Doppelsee Ostebakkvatna (Vatna: Wasser, See), gebildet durch den Mehamnelv (Elv: Fluß), ca. 5 km vor Mehamn, wurde ich meinem Schicksal überlassen. Eine günstige Watstelle am Mehamnelv fand ich bei den Koordinaten 35 529200 Ost und 7876250 Nord. Das Wasser reichte hier nur bis etwas oberhalb des Knies! Auf keinen Fall ist das Durchwaten des Mehamnelv unterhalb des Ostebakkvatna empfehlenswert wegen der steilen Uferhalden, der größeren Strömung und Wassermenge, da der See ja noch den Zufluß von drei Bächen aufnehmen mußte.

Wer einige nützliche Wattips braucht, findet diese unter dem Link "Sonstiges".

Bei einem Vesper am jenseitigen Ufer legte ich die grobe Marschrichtung auf Grund der Angaben des Taxifahrers fest. Beim Weitermarschieren zeigte sich die alte Erkenntnis aus den Alpen, daß man auf die "Erfahrungen" der Einheimischen nur eingeschränkt bauen sollte: die waren nämlich nur selten auf dem Berg! Ich stieg ins Tal ab, wo ich ganz gut voran kam.

Dies war übrigens die zentrale Erfahrung bei dieser unglaublich steinigen Tour: am besten immer im (manchmal auch grünen) Tal bleiben, Schneefelder und Sättel ausnutzen, auch wenn die z.T. vorhandenen Stangen manchmal in eine andere Richtung weisen. Diese Stangen sind meines Erachtens sowieso nur für die Trendsportart Schneemobil gedacht, denn die so markierte Route ist wegen des steinigen Geländes für Sommerverhältnisse nicht ratsam. Außerdem wandert hier so gut wie keiner, und die Handvoll Rucksacktouristen ist kein Wirtschaftsfaktor. Die Stangen sind auch z.T. irreführend aufgestellt; sie vermitteln daher nur ein fragwürdiges Gefühl von Sicherheit.

Die Hütte am "Hüttensee" (Th. Bujack) kann man auch nicht mehr empfehlen. Der offenbar für Motorschlitten gelagerte Zweitakttreibstoff riecht penetrant. Das Schnapslager ist zwar gut für die scheinbar nicht ausgelasteten Schneemobilisten ausgestattet, insgesamt aber macht die Hütte einen verwahrlosten Eindruck. Der Umweg lohnt nicht; dann lieber doch ein Zelt benutzen!

Bis zum Fuß des Björnviktuva (tuva: Hügel, 320 m ü. N.N.) ist die Strecke topographisch vorgezeichnet, am südöstlich von ihm gelegenen namenslosen See (236 m ü. N.N.) muß man sich entscheiden. Ich entschied mich gegen die Stangen und für links in den gut sichtbaren Sattel etwa südwestlich des Björnviktuva. Das Waten durch den Abfluß des Sees geht in Bergstiefeln, allerdings ist es etwas sumpfig. Nach Überschreitung des Sattels möglichst auf gleicher Höhe bleiben, auf keinen Fall zum Westlichen Björnvikvatna (174m ü. N.N.) absteigen, sondern auf die westliche Seite des Östlichen Björnvikvatna zusteuern (261 m ü. N.N., nordwestlich des Björnviktuva gelegen). Von hier nördlich ins Quellgebiet des Sandfjordelv (ca. 35 522600 Ost, 7883200 Nord) und konsequent das Tal verfolgen. Die z.T. sichtbaren Steinmännle orographisch rechts oben am Hang sollte man nicht beachten, das kostet Stunden, außerdem kann man sich im Tal eigentlich nicht mehr verlaufen.

Schneefeld im Tal des Sandfjordelva

Nach insgesamt 8 Stunden Trekking schlug ich mein Zelt am orographisch rechten Ufer des Sandfjordelv unterhalb des markanten Kars Östavindskardet (Ostwindkar, von Ost nach West verlaufend) unterhalb einer Steinsäule auf.

Sieht chaotisch aus; aber wer schon mal einen Rucksack auspackte ....

Eine versuchte Mobilfunkverbindung schlug fehl (auch mit 3 dB-Zusatzantenne), sie funktionierte jedoch von allen höheren Stellen dieser Tour.

 4.      Tag (28.06.01)

Aufstieg über das Östavindskardet zur Hochfläche mit Abstecher zur Kuppe Magkeilfjordfjellet. Den nördlich gelegenen See rechts liegenlassen und nicht nach Nordosten das scheinbar leichtere Gelände ansteuern. Auf der Hochfläche nach Nordnordwest, die Kuppe Reipnakktinden (tind: Kopf, vgl. südd. Grind od. Grinde) jedoch rechts liegenlassen. Am Besten den Koordinatenpunkt 35 523900 Ost und 7889900 Nord ansteuern. Unterwegs wurde ich allerdings von Vögeln heftig "umschwärmt". Das Warum ist mir immer noch nicht so ganz klar. Wahrscheinlich brüten die hier, aber wo? Wir befinden uns ja weit nördlich der Vegetationsgrenze, außer einem bißchen Gras gibt es hier nichts, wo man ein Nest verstecken könnte.

Im weiteren Verlauf des Marsches nach Norden sieht man plötzlich rechtsab die Umrisse eines Flugzeugs, einer deutschen Ju88,welche im Verlauf der Kämpfe um das Schlachtschiff Scharnhorst hier notlanden mußte. Der Flugzeugführer muß ein Könner gewesen sein. Wie man deutlich sieht, hat er das Fahrwerk nicht ausgefahren, was andernfalls angesichts der Steinbrocken zu einem sicheren Überschlag der Maschine geführt hätte. Er hat bei Minimalgeschwindigkeit "schwimmend" aufgesetzt und so das Überleben der Besatzung ermöglicht. Es waren:

Gesamtansicht und linker Flügel; das Balkenkreuz ist noch gut erkennbar

Die Koordinaten der Ju88 bestimmte ich zu 35 524176 Ost und 7890673 Nord. Dieser Wert wurde auf dem rechten Flügel direkt am Rumpf gemessen. Mit einer Genauigkeit von +/- 10 m liegt die Maschine damit 175 m weiter östlich als auf der Karte Mehamn des Staatliches Norwegisches Kartenwerks (Statens Kartverk) angegeben. Der Nordwert auf der Karte stimmt allerdings exakt. Auf Th. Bujacks Norkinnkarte (s. Schaltfläche "Links") liegt sie 150 m zu weit nördlich. Hier wiederum stimmt der Ostwert exakt.

Ich fand zwar Bemalungen "Fredet" (Frieden), "Flymuseet Bodø" und ein Schild "Removal of parts not allowed", habe aber im übrigen nicht den Eindruck, daß die Maschine entgegen anderen Aussagen ins Luftfahrtmuseum Bodø überführt wird. Am Gewicht kann es allerdings nicht liegen, wie die abgeschraubten und abtransportierten Motoren beweisen. Im übrigen ist es angesichts des gefledderten Zustands der Maschine wohl auch etwas spät inzwischen. Schade für ein geschichtliches und technisches Zeugnis!

Wie man die Motoren allerdings abtransportiert hat, ist für mich ein fast ebensolches Wunder wie der Bau der Pyramiden: in diesem Gelände kann schließlich kein Fahrzeug fahren!

Der Abstieg durch das Kar Nordavindskardet(Nordwindkar, von Nord nach Süd verlaufend) ist gräßlich, schien mir aber unumgänglich. Nach Durchschreitung der Talsohle ist der gegenüberliegende Hang recht einfach mit viel Grün und bietet im weiteren Verlauf keine Schwierigkeiten. Auf der Höhe hat man ab und zu einen mehr oder weniger guten Blick zum ca. 70 km entfernten Nordkap. Wenn ich daran denke, was da jetzt wohl los ist!

Blick nach Westen vom Plateau aus; das Nordkap ist sehr undeutlich zu erkennen.

Dem aufgeschichteten Steinhügel auf der Kuppe des Nordkinn (237m ü. N.N.) muß man natürlich ein Souvenir in Form eines weiteren Steins hinzufügen.

………... Aber eigentlich wollte man ja noch zur Kinnarodde. Also, über den Grat hinabturnen?! Die ersten 80 Höhenmeter machten keine Probleme, aber als die Grassoden über lockerem Geröll immer mehr zunahmen, nahm ich angesichts meiner Erfahrung mit Allgäuer Grasbergen doch Abstand, zumal ich als Alleingänger keine Sicherungsmöglichkeiten anwenden konnte.

Blick vom Grat des Nordkinns zur vorgelagerten Insel Avlöysinga

Außerdem sah es von hier oben aus, als ob der Zugang entlang der Strandlinie der Kinnaroddvika (Vika: Bucht) relativ einfach sei. Also zurück ins Trogtal des Nordwindkars und Abstieg nach Norden zum Meer. Dabei kam mir eine Rentierherde entgegen. Die war so verdutzt, daß sie unter Steinegepolter schnell Reißaus über einen Hang nahm. Über diese Rentierherde aber noch später ..

Übrigens sieht man im Gegensatz zu Finnland Rentiere in Norwegisch-Lappland recht selten! Ich habe schon Trekkingtouren über 100 km gemacht, ohne auf ein Rentier zu stoßen, was in Finnisch-Lappland unmöglich ist! Um die Rentiere zurückzuhalten, gibt es rund um Finnisch-Lappland (über 1000 km) einige Meter vor der Staatsgrenze einen ca. 3 m hohen Zaun. Dieser Rentierzaun ist engmaschig, und man muß dem unteren Draht an geeigneter Stelle anheben und an den Boden gepreßt durchschlüpfen, will man eine Grenzüberschreitung durchführen.

Am Strand viel Treibholz und die kläglichen Reste eines Fischkutters. Der Weiterweg ist zunächst Balancier- und Steigarbeit über z.T. vom Wasser umspülte Klippen. Ohne größere Schwierigkeiten kam ich bis zu den Koordinaten 35 523775 Ost und 7892147 Nord, also ca. 200 m Luftlinie vor der Kinnarodde. Von hier gut sichtbar geht das Gelände am nordwestlichen Ende einer kleinen Einbuchtung (auf der Karte gut erkennbar) in einen Felsriegel über, welcher auf den ersten Blick durchaus ersteigbar schien. Diesen Riegel konnte ich von oben nicht einsehen, der Zeitaufwand zur Querung war nicht abschätzbar. Außerdem mußte ich noch heute zurück, meine gesamte Ausrüstung bis auf mein leichtes Tagesgepäck war ja im Lager verblieben.

……… Kurz und gut: die Kinnarodde fehlt mir strenggenommen, das Nordkinn aber habe ich! Es muß ja auch noch ungelöste Probleme geben. Wer weiß ….?

Ich habe bisher noch nicht herausbekommen können, ob und auf welchem Weg die Kinnarodde bereits erreicht wurde. Diesbezüglich wäre ich für jeden Tip dankbar. Der Kinnarodde vorgelagert ist eine Klippe namens Avlöysinga (Ablösung), auf der sich ein Seezeichen befindet, wie ich anläßlich meiner letztjährigen Hurtigrutenreise feststellte. Ob diese Klippe bei Niedrigwasser erreichbar ist, wäre eigentlich auch interessant

Beim Rückweg und Anblick des bösen Nordwindkars dachte ich darüber nach, was für die Rentierherde der Grund war, gerade den von ihr eingeschlagenen Fluchtweg zu benutzen. Die Tiere müßten ja wohl das Verhalten ihrer natürlichen Umgebung optimal angepaßt haben..... So beschloß ich, ihren Spuren zu folgen, und tatsächlich stellte sich dieser „Weg“ über den flacheren und weniger steinig ausschauenden Grat am nördlichsten Ende des Kars als wesentlich leichter heraus als der Herweg weiter südlich. Die Koordinaten des Grates am oberen Ende, also am Übergang zur Hochfläche, bestimmte ich zu 35 523900 Ost und 7891150 Nord.

Anm.: siehe hierzu auch das oberste Bild. Das Nordwindkar und der Grat zur Hochfläche sind deutlich zu erkennen.

Schon von den Höhen sah ich dann später endlich mein Lager tief im Tal, sichere Rückkehr versprechend und zu Geborgenheit einladend. Ca. 7 Stunden dauerte meine heutige Trekkingtour. Schon bald wärmte mir der Gaskocher ein selten so wohlschmeckendes Mahl. Zum Abschluß gab es Tee mit einem Schuß Rum!

 5. Tag (29.06.01)

Heute am Freitag muß ich nach Mehamn und Lakselv zurück, da der Bus am Wochenende nicht fährt. Ansonsten wäre ich noch gern geblieben, einige Erkundigungen zu machen und Tourenmöglichkeiten auszuprobieren.

Am oberen Ende des Sandfjordelva-Tales gehen Stangen in zwei Richtungen. Die in Verlängerung dieses Tales befindlichen Markierungen hören aber plötzlich auf; das ist die Richtung, aus der ich vorgestern kam. Ich entschied mich diesmal für den Weg östlich um den Björnviktuva. Der Weg durch das riesige Steinmeer ist zwar entfernungsmäßig - nicht aber zeitlich - kürzer als die Umgehung von vorgestern, aber viel gefahrenträchtiger. Die Steinwüste hat aber offenbar schon manchen in Verzweiflung gebracht, wie Notbiwaks zwischen den zur Seite geräumten Steinen beweisen. Vermutlich scheint hier auf der Höhe öfter Nebel zu herrschen, auch jetzt wabert es wieder um mich herum (es fehlen nur noch die Elfen!). Nach dem Abstieg zum südöstlich des Björnviktuva gelegenen namenslosen See (236 m ü. N.N.) befand ich mich wieder auf dem bekannten Gelände des Hinwegs. Ich fand auf den Schneefeldern Reste meiner eigenen, ausgeaperten Spuren. Sonstige Spuren oder die Wandergruppe selbst, die zur gleichen Zeit mit mir unterwegs gewesen sein soll (wie ich später erfuhr), konnte ich nicht entdecken

Nach insgesamt ca. 7 Stunden Tagesmarsch erreichte ich wieder die Straße 888 nach Mehamn. Da bis zur Abfahrt des Busses um 17:30 Uhr noch 3 Stunden Zeit waren, entschloß ich mich, die restlichen 5 km bis Mehamn auch noch zu latschen, mich bei einem Kaffee zu stärken und bei meinem Taxifahrer zurückzumelden. Letzteres funktionierte zunächst weder per Mobiltelephon noch vom Festnetz aus und sollte erst später wieder in Finnland glücken. Um 22 Uhr abends erreichte ich schließlich wieder die Zivilisation – sprich Campingplatz – in Lakselv. Vorher glaubte ich noch, mir ein Bier genehmigen zu dürfen - in ganz kleinen Schlucken, damit pro Schluck nicht mehr als 5 Norwegische Kronen bis zum Einstandspreis von 48 NKR (ca. 12 DM) verpulvert wurden.

 6.Tag (30.06.01)

Heute ging es mit dem Bus wieder zurück zu meinem „Standquartier“ (Näverniemen Lomakylä) in Ivalo über Karasjok, Karigasniemi und Inari.

 Sonstiges

Wie man sieht, ist die beschriebene Tour von jedem nicht ganz unerfahrenen Wanderer mit etwas Ausdauer, Trittsicherheit und Orientierungssinn zu machen. Ich verspreche allen Interessierten schon jetzt, daß es ein Zentralerlebnis für Körper und Seele sein wird. Nur Mut! Für weitere Ratschläge stehe ich gern zur Verfügung.

Im Anschluß an diese Trekkingtour führte ich noch zwei weitere Wanderungen aus: durch die wilden und weglosen Muotkatunturit (Finnisch: Tunturi(t): Berg(e)), wo es noch Bären und Wölfe geben soll (aber das erfuhr ich erst später!) und in der Gegend des Lemmenjoki (Joki: Fluß), einem Goldgräbergebiet.

Nach zweieinhalb Wochen kam ich letztlich wieder wohlbehalten zu Hause an.

Nachtrag und Nachdenkliches

Ich fragte mich schon immer, warum Wildtiere in Nordeuropa kein Sicherheitsthema sind, denn zweifellos existiert diese Spezies dort noch. Ich habe mich inzwischen erkundigt, und von einem Bekannten aus Parikkala (Finnisch-Karelien), erfuhr ich sogar das schier Unglaubliche, daß dort auf dem ehem. Gutshof Ristimäki (Kreuzhügel) Bären regelmäßig zur Zeit der Apfelernte beim "Pflücken" zu beobachten sind!

Dies steht ganz im Gegensatz zu meinen Erfahrungen, die ich 1994 in Britisch Columbia (Canada) anläßlich einer Kanutour um den Bowron-Lake machte. Dort stehen an manchen Stellen Schilder mit der Aufschrift:

"Evil bears/Ours méchants"

Da weiß man wenigstens, wo man dran ist, und womit man zu rechnen hat. Aber warum gibt es im europäischen Norden keine entsprechenden Hinweise wie:

"Vaarallisia karhuja", "Farliga björnar" oder "Farlige bjørner"? 

Diese Frage habe ich mir auch vorgelegt.

Wer schon mal in Canada war, dem ist gewiß aufgefallen, daß es bei allem Holzreichtum ungeheure Kahlschläge gibt. Auf zig-Quadratkilometer ist ratzeputz alles abgeholzt. Ich erinnere mich, daß die Hinweisschilder genau hier aufgestellt waren. Warum wohl? Bis mir plötzlich der Gedanke kam:

Denen hat man ihre Heimat weggenommen!

Daher sind die Bären wohl so böse geworden. Oder ist die nordamerikanische Spezies der Grizzly- und Kodiak-Bären so grundverschieden von der europäischen Variante der Braunbären? Meine Meinung ist "nein".
Aber darüber und über das angesprochene Grundthema in seiner ganzen Breite möge die geneigte Leserin bzw. der geneigte Leser selbst nachdenken ................