Schön ist der Klang der Stille für den Wanderer ...

Inaripfad (Inarilaispolku): unter Umwegen  einsame 120 km  vom Inarisee zum Varangerfjord 

Vorwort

Für das Jahr 2003 beschloß ich, den Inaripfad nach Karlebotn am Varangerfjord in Norwegen zu versuchen. Gleichzeitig wollte ich mit einem Abstecher den höchsten der Berge in diesem Gebiet ersteigen. Dies ist der Guorrunjunis und der Namensgeber der geographischen Karte (s.u.) eines über 600 km2 großen Gebiets. 
Der "Pfad" beginnt in Sevettijärvi, am gleichnamigen See  gelegen. Dieser Weiler  ist der letzte Stützpunkt der Zivilisation nördlich des Inarisees und weit bis nach Norwegen. Hier beginnen mehrere empfehlenswerte Touren zu Fuß oder mit Kanu in die in Wildmark.

Vorgeschlagene topgraphische Karten im Maßstab 1:50.000:

Hinweis: alle Koordinatenangaben sind in Finnland im finnischen Koordinatensystem mit Kartendatum KKJ und in Norwegen im UTM-Koordinatensystem mit Europäischem Kartendatum.

Hier mein Reisebericht

1.      Tag (Mittwoch, d. 25.06.03)

Anreise mit dem Postbus (Gold Line) von Ivalo. Haltepunkt ist das "Ortszentrum", gebildet durch die "Sevetin Baari" mit Einkaufs- und Einkehrmöglichkeit.

Ende der Zivilisation

Nachdem ich mich mit einem letzten und "allerletzten" Bier gestärkt habe, mache ich mich auf in Richtung der Hütte am Opukasjärvi. Der Pfad ist fast nicht zu verfehlen, da er zunächst durch Pfosten gut markiert scheint. Trotzdem gibt es einen ausgetretenen Verhauer nach rechts, wo es nach dem mühsam zu überquerenden Bach nicht weiter geht.
Nach ungefähr 3 km trifft man auf eine Sandpiste, von der bald der Weiterweg rechts abzweigt. Ein Grenzer riet mir letztes Jahr, die Piste weiterzuverfolgen, da sie auch in "Richtung" Opukasjärvihütte verlaufe und kürzer sei.
Warum er diesen Weg empfahl, wurde mir erst später klar. Die Grenzer machen ihren Dienst nicht aus sportlichen Gesichtspunkten heraus und fahren mit dem Auto oder einem Mönkijä ("Kriecher": kleines geländegängiges Gefährt) soweit sie können. So auch er, soweit es ging. Die "normalen" Pfade kannte er gar nicht. Ich machte hierbei die gleiche Erfahrung, wie wenn man im Gebirge einen Einheimischen nach einem etwas versteckten Weg oder Gipfelanstieg fragt.

Unterwegs fühlten sich offenbar doch einige Kiebitze im Moor durch meine Anwesenheit gestört und verteidigten zeternd ihr Reich gegen fremde Eindringlinge. Hier mein ornithologischer Beitrag: 

Hinweis: Das Einbinden von Hintergrundmusik gelingt nicht immer wie gewünscht (Browser-abhängig). Entweder man hört den Kiebitz bereits beim Öffnen der Seite, oder man drückt hier auf den Startknopf (falls sichtbar) oder man lädt sich das Gezwitscher hier herunter.

Kiebitzgezwitscher

Gegen 22 Uhr endete bei den Koordinaten 771660 Nord und 55820 Ost schließlich die Piste an einem Rentierscheideplatz (Poroerotuspaikka) mit riesigen Gattern. Ich lief weiter bis zu dem nahegelegenen See, in der Hoffnung, den vermutlichen Weiterweg zu finden. Die Suche war leider vergeblich, und ich trug mich schon mit dem Gedanken, mich die 7,65 km Luftlinie zur Hütte quer durchzuschlagen, als ich ca. 200 m vor dem Schild "Yleinen tie päätyy" (Ende des öffentlichen Weges) einen versteckten und nichtbezeichneten Pfad fand, welcher offenbar in Richtung der Hütte verläuft. Frohen Mutes machte ich mich auf den Weg und tatsächlich traf ich bei den Koordinaten 772206 Nord und 55788 Ost wieder auf den umgangenen Wanderweg, der von der Piste abzweigt. Etwas erschöpft, aber bei strahlendem Sonnenschein erreichte ich nach Mitternacht mein Ziel. Ob sich dieser Umweg lohnte? Zeitlich sicher nicht, aber er bot doch neue Erlebnisse, z.B. in Form von Kiebitzen.

2.      Tag (Donnerstag, d. 26.06.03)

Der Weiterweg zur Iisakkijärvi-Hütte erfolgte über den gleichen Pfad wie letztes Jahr auf meiner Tour nach Nuorgam (Pulmankireitti). Von hier ging ich nach einer ausgiebigen Rast noch am gleichen Tag weiter zur Rousajärvihütte. Das Wetter weiterhin warm (über 20 Grad), so daß es draußen bei einem rauchenden Lagerfeuer (gegen die Mücken) angenehmer war als in der Hütte ohne Lagerfeuer, aber mit Mücken.

Lagerfeuerromantik

3.      Tag (Freitag, d. 27.06.03)

Heute geht es in Richtung norwegische Grenze. Auf einem Großteil der Strecke sieht man den riesigen hölzernen Wachtturm auf dem Berg Rousavaara, welcher m.W. nicht mehr besetzt ist, und zu dem auch kein Weg führt. Die Markierungspfosten fehlen teilweise, also Hauptrichtung beachten und im Zweifelsfalle zurückgehen. Der Höhenzug im Norden bildet noch nicht die Grenze, sondern es ist der Höhenzug Isokivennokka (südl. Stuorrakedginjunes), über dessen Ausläufer man drüber muß. Erst vom Kamm aus sieht man fern den Grenzzaun und halbrechts eine Grenzerhütte (Rajavartiostontupa, 774439 Nord, 56450 Ost). Aber was soll die hier in einer Gegend ohne Weg und Steg? Dieses Geheimnis wollte ich lüften und machte von der direkten Richtung einen Umweg dorthin. Nun, das Geheimnis konnte ich nicht enträtseln. Die verschlossene Hütte machte einen sauberen Eindruck. Ein Blick durch die Fenster ließen Herd, Tisch, Stühle, Schlafstellen und natürlich eine Sauna erkennen. Bezüglich der Verwendung fand ich einen Hinweis auf die Nähe der EU-Außengrenze, aber davon später mehr ..... 
An einem scheinbar wunderschönen Platz am Aittojärvi (774464 Nord, 56382 Ost) schlug ich mein heutiges Lager auf.

Der genau in der Mitte des Bildes zwischen den Bäumen sichtbare weiße Fleck am jenseitigen Seeufer ist ein riesiger weißer Rentierhirsch!
(Vielleicht brauche ich doch eine bessere Kameraausrüstung, wenn nur das Gewicht nicht wäre .....)

Aber dieser Platz hatte es in sich. Nach dem Lageraufbau fand ich zufällig in der Nähe des Lagers eine schräg in einen Abhang führenden Höhlengang. Der Durchmesser betrug gut 30 cm, was zu groß für einen Fuchs oder Dachs und zu klein für einen Bär ist. Dieses war das zweite Rätsel auf dieser Tour.

Höhle eines Vielfraßes

Wie ich - wieder zu Hause - der Literatur entnahm, kann es sich nur um die Höhle eines Vielfraßes (Gulu gulu) handeln, einer Riesenmarderart, welche in allen arktischen Gebieten der nördlichen Erdhalbkugel zu finden ist. Er ist über einen Meter lang und ist tatsächlich ein "Vielfraß", dem wegen seiner Aggressivität sogar Wölfe und Bären aus dem Weg gehen. Wenn ich das vorher gewußt hätte ...
Übrigens ist das Wort "Vielfraß" eine Verballhornung des schwedischen Ausdrucks "Fjällfräs", was soviel wie "Bergkatze" bedeutet, aber diesen Griesgram zufällig genau charakterisiert.

4.      Tag (Samstag, d. 28.06.03)

In Nichtkenntnis meines potentiellen Nachbarn verbrachte ich eine gute Nacht, wobei "Nacht" relativ zu nehmen ist, da um diese Jahreszeit die Sonne rund um die Uhr scheint (wenn sie scheint).
Nach dem Aufbruch am nächsten Morgen erreiche ich bald die sog. EU-Außengrenze zwischen Finnland und Norwegen. Hier ist sie:

moderne EU-Außengrenze

Wie man sieht, ist die Grenze tatsächlich (beinahe) in der Höhe unüberwindlich, ist aber trotzdem ein Witz. Den Draht muß man unten nur etwas anlupfen, den Rucksack durchschieben und danach sich selbst. Schon ist man im EU-Ausland oder umgekehrt. Die "Grenzsicherung" ist geradezu eine Einladung für illegale Einwanderer der ganzen Welt. Wenn nur der lange Anmarsch nicht wäre! Da gibt es bequemere Eindringmöglichkeiten in unsere Sozialsysteme.
Mein "Übergang" erfolgte am Grenzstein Rr350E (7742180 Nord, 35 563478 Ost). Diese Grenzsteine sind häßliche, gelb besprühte Steinhaufen aus dem Jahre 1923, welche die gesamte Grenze zwischen Finnland und Norwegen "zieren".
Ab hier besteht die Markierung aus Steinmännle, die aber oft versteckt und schwer zu finden sind. Manchmal wird man durch die vielen, sowieso herumliegenden Steine genarrt. Eine Hilfe ist oft die Form des obersten Steines: er ist zumeist länglich, die Spitzen zeigen die Richtung an.
Im Laufe des Tages bedeckte sich der Himmel und ein kalter Nordwind blies. Später klarte es sich aber wieder auf, und es wurde wärmer. Dies sollte die schönste Hochsommerperiode einleiten, die ich je im hohen Norden erlebt habe!

Hier einige Zwischenpunkte auf dem Weg nach Norden:

Mein heutiges Lager schlug ich spät abends an einem unbenannten See bei den Koordinaten 7753840 Nord, 35 563513 Ost auf (Höhe 255 m ü. NN.).

Selbstbildnis. Links hinten das Weiße ist ein Schneefeld.

Wenn es in diesen Breiten aufklart, gibt es selbst im Hochsommer Nachtfrost. So auch heute. Aber das ist eigentlich ein gutes Zeichen für das weitere Wetter, ist doch keine feuchte Meeresluft eingeflossen! Dies sollte sich wieder einmal für die nächsten Tage bewahrheiten.

5.      Tag (Sonntag, d. 29.06.03)

Heute geht die Hauptrichtung nach Nordwesten. Von den Abhängen des Åððagåpskai'di hat man überraschende Tiefblicke auf das blaue Wasser der langgestreckten Seen Aslatnjoaskejav'rit.

Tiefblick zu den Aslatnjoaskejav'rit

Hier sind Markierungen fast nirgends zu sehen. Das Durchkommen durch Krüppelbirken und Geäst ist mühsam und zeitraubend. Im Zweifelsfalle sollte man immer nach rechts bergauf ausweichen, da hier die Vegetation spärlicher wird. Nicht zum Steilufer am See absteigen!
Wie es der Zufall will, fand ich hier wieder ganz versteckt die Höhle eines Vielfraßes. Hätte ich das gewußt, hätte ich mich schnell getrollt.
Am Ende der Seenkette muß man absteigen und an zwei Stellen die Ausflüsse der Seen furten. Dies fiel allerdings diesmal mager aus, da auch in Lappland in diesem Sommer der Wasserstand sehr niedrig war. Letzteres hatte allerdings auch den unbestreitbaren Vorteil, daß die Mückenplage ebenso "mager" ausfiel.
Am Abstieg zum Ju'gejav'ri fehlt m.E. jeglicher Markierungsstein. Man sollte auf das nördliche Ende zuhalten, das Waten durch den Abfluß blieb mir aber trotz Niedrigwasser nicht erspart. Allerdings ging das Wasser nur bis zu den Knien und war herrlich erfrischend.
Der nächste markante Berg ist das Plateau des Kruvnasskaidi (7760669 Nord, 35 556996 Ost), wo die Markierung auch rar ist. Man sieht am Fuße jedoch einen Steinhaufen, auf den man zuhalten sollte. Kurz nach dem Plateau (7760951 Nord, 35 556517 Ost) verließ ich den Pfad nach links in Richtung des Krunasjav'ri. An einem versteckten kleinen See südwestlich davon errichtete ich mein heutiges Lager (7760992 Nord, 35 555480 Ost).

Lageridylle

6. Tag (Montag, d. 30.06.03)

Diesen Morgen hatte ich mir für den Besuch des Guorrunjunis reserviert. Die Besteigung ist technisch nicht schwierig, bringt aber einige Orientierungsprobleme mit sich. Durch den plateauartigen Anstieg verliert man leicht die Übersicht, da man weder Gipfel noch Ausgangspunkt sieht, und alles relativ gleichförmig aussieht. Ich kann nur empfehlen, Start- und Zielkoordinaten in seinen GPS einzutippen, um unnötiges Suchen zu vermeiden (ich hatte dies versäumt!).

Blick vom Guorrunjunis nach Westen

Ich genoß einen herrlichen Rundblick. Im Westen sah ich den 10 km entfernten Tsuomasvaara (s. Bild). Diesen hatte ich letztes Jahr auf meiner Tour nach Nuorgam bestiegen (s. Beschreibung).

Gegen Mittag war ich wieder in meinem Lager. Es war mir heiß geworden, obwohl ich doch wenig Gepäck mithatte. Mit meinem Thermometer maß ich 29 Grad im Schatten! Ob das Wasser vielleicht auch warm war? Am Ufer stellte ich 19 Grad fest. Jetzt gab es nichts mehr zu überlegen. Ich nahm ein erfrischendes Bad und fühlte mich nachher pudelwohl.
Was nun, zusammenpacken und weiter? Diese friedliche, hochsommerliche Stimmung wollte ich doch noch ein wenig genießen. Zeit hatte ich auch genug. Das Wetter wird schon halten! Nein, sagte ich mir, und der Vogel in den Krüppelbirken schien mir das zu bestätigen. Munter trällerte er drauflos, ihm machte meine Anwesenheit nichts aus. Eine solche absolute Ruhe vor Zivilisationsgeräuschen, nur Windsäuseln und Wasserplätschern sind ein Erlebnis, das man nur noch ganz selten hat.
Ich sonnte mich also, las meinen Western, machte mir einen Tee, badete und verbrachte so einen Urlaubstag schöner als im Süden. Und das fast am 70. Breitengrad!

7. Tag (Dienstag, d. 01.07.03)

Einmal muß Abschied sein, obwohl ich es im Nachhinein bedaure, diesen Tag zur Erholung von Körper und Seele nicht doch verlängert zu haben.

Der nächste Berg in der anvisierten Richtung war der Lav'kavarri (ca. 7762800 Nord, 35 555300 Ost). 

Blick vom Gipfelplateau des Lav'kavarri

Ich nahm an, daß schon wegen der Aussicht der Lav'kavarri Teil des Inaripfades ist. Dem ist aber nicht so. Wie ich auch suchte, Markierungen waren nicht zu finden. Warum man diesen herrlichen Aussichtsberg genau wie den Guorrunjunis umgeht, weiß ich nicht. Jedenfalls muß man hier seine Marschrichtung nach Karte und Kompaß bestimmen. Man sollte ab dem Gipfelplateau auf den etwas verdeckten, ganz links unter dem rechten Schneefeld sichtbaren Goeddjajavri zuhalten. Im Zweifelsfalle nach rechts ausweichen, da ja der Pfad nach links verlassen wurde. Dann stößt man bald darauf auch wieder auf Markierungen.

Vor dem Aufstieg zum Lei'dnunvarri

Der nächste Fixpunkt ist der Lei'dnunvarri im Hintergrund (7765058 Nord, 35 555292 Ost). Hier geht der Pfad allerdings drüber. Auf dem Weg dorthin kommt man an einem großen Rentiergeweih vorbei (7764200 Nord, 35 555601 Ost), welches ich im Jahre 1997 unterwegs fand und hier aufstellte. Es ist mir unbegreiflich, warum es der Wind noch nicht fortgeweht hat, oder es noch keiner mitgenommen hat. Dies ist das dritte Rätsel auf meiner Tour!

Vom flachen Gipfelplateau des Lei'dnunvarri hat man wieder einen herrlichen Rundblick bis weit in die schneebedeckten Berge der Varangerhalbinsel. Während des Abstiegs vom Lei'dnunvarri zum Goeddjajavri überschreitet man den 70. Breitengrad! Jetzt sind es nur noch 20 Grad zum Nordpol (!).
Am rechten Ufer des Goeddjajavri (7766879 Nord, 35 555960 Ost) machte ich eine ausgiebige Rast, vesperte, las etwas und kühlte meine heißgelaufenen Füße. Tat das gut!

Im Weiterweg sind die Markierungssteine manchmal etwas rar. Man sollte sich am Ende des rechten Ufers etwas links und dann bis auf ein paar Grad rechts stets nach Norden halten. Nach ca. 2,5 km, genauer bei den Koordinaten 7769092 Nord, 35 56807 Nord, hat einen plötzlich die Zivilisation (fast) wieder eingeholt. Hier beginnt ein ausgefahrener Schneemobilweg, welcher allerdings weitgehend wieder zugewuchert ist. Auf ihm kommt man aber zu Fuß gut voran. In den Sümpfen sollte man aber etwas aufpassen. Jetzt im Tal wird die Schnakenplage wieder aktuell, und man sollte sich vorsehen.
Nach ca. 7 km sieht man von den Anhöhen des Hannusboalci den romantischen Njiðgojavri liegen. Auch einige Sommerhäuser sieht man. Zufahrten gibt es fast keine, und dann nur bedingt und auch nur für geländegängige Fahrzeuge, so daß man auf das Boot angewiesen ist. Die Wegkennzeichnungen hören irgendwann auf. Aber wenn man zum rechten Ufer absteigt, stößt man bald wieder auf einen breiten Pfad. Ungefähr bei den Koordinaten 7773850 Nord und 35 557900 Ost zweigt ein kleiner Trampelpfad ab. Auf diesem ging ich kurz weiter und suchte mir einen geeigneten Platz am Ufer.

Lager am Njiðgojavri

Es war sehr heiß hier unten. Ich maß 30 Grad im Schatten! Nach dem Aufbau des Zeltes nahm ich ein erfrischendes Bad und wollte es mir in der Sonne wieder so gemütlich machen wie gestern. Aber das war nicht recht möglich. Trotz Einsprühen waren Tierchen lästig, und ich mußte ins Zelt flüchten, wo es natürlich bollenheiß war. Ich nahm es als Sauna hin und kühlte mich ab und zu im See ab. So war das Ganze eigentlich erträglich.

8. Tag (Mittwoch, d. 02.07.03)

Heute wollte ich Karlebotn, das Ziel meines langen Marsches, erreichen. Auf dem oben beschriebenen Trampelpfad geht es weiter genau nach Norden bis zum Seeausfluß. Hier muß man waten, das Wasser geht allerdings nur bis zu den Waden. Diese Stromschnelle ist eine gute Angelstelle, wie mir zwei Fischer aus Finnland sagten. Sie waren extra hierher gereist. Nun geht es strikt weiter nach Norden, den für hochrädrige, geländegängige Fahrzeuge geeigneten Weg kann man trotz Abzweigungen eigentlich nicht verfehlen. Auf einer schwankenden Seilbrücke überquert man den Fluß Njiðgojåkka.

Hängebrücke über den Njiðgojåkka.

Nachdem man die nördlichen Ausläufer des Gar'vingai'sa hinter sich gelassen hat, öffnet sich eine weite Sandebene bis zum Varangerfjord. Bis hierhin kann man mit "normalen" Fahrzeugen fahren. Ab hier begann ein zig Kilometer langer Hatscher, aber das wußte ich zu diesem Zeitpunkt - Gott sei Dank - noch nicht. Nach einigen bequem zu gehenden Kilometern kommt Karlebotn, das eigentliche Ziel der langen Reise in Sicht.

Karlebotn (samisch Stuorravuonna=große Bucht), ein alter Handelsplatz in Nordlappland

Karlebottn besteht nur aus ein paar Häusern, Kühe laufen herum. Einkehren kann man hier nicht. Dafür liegt es idyllisch am Varagerfjord. Idyllisch? Wie man weiß, liegt im Varangerfjord eine tickende Zeitbombe in Form eines versunkenen sowjetischen Atom-U-Bootes!

Karlebottn ließ ich rechts liegen und stapfte auf der Asphaltstraße sieben Kilometer weiter nach Varangerbotn. Hier stärkte ich mich in einem Café mit einem Pfannkuchen mit Beeren, was hier eine Spezialität ist, und einer Tasse Kaffee. Der Preis haute mich um. Die vermutete eins zu eins DM- zu- Euro-Parität bestätigte sich auch hier. Die Norweger wissen schon, warum sie mit ihrem hohen Sozialprodukt ihre armen Nachbarn im Süden und bald auch im Osten nicht alimentieren wollen. Deshalb werden sie auch ihre Norwegische Krone nicht abschaffen ... aber da durfte ja auch das Volk mitbestimmen ...

Mit dem Bus von Eskelinen Lapin Linjat wollte ich zurück nach Ivalo fahren. Aber der fährt erst um 3:15 Uhr morgens von Skipagurra am Tanafluß ab. Das sind von hier 15 km Landstraße. Jetzt ist früher Nachmittag. Aber was soll ich solange machen? Zum Zeitvertreib entschließe ich mich, mich auf Schusters Rappen zu machen. In Skipagurra gibt's nur einen Campingplatz, drei Häuser und eine Tankstelle, wo der Bus abfährt, sonst nichts. Ein paar hundert Meter vor diesem Weiler schlage ich mich in die Büsche, stelle mein Zelt auf, vespere, stelle den Wecker und begebe mich zur Ruhe.

9. Tag (Donnerstag, d. 03.07.03)

Um 2 Uhr piept die Armbanduhr, ich packe alles zusammen und marschiere zur Essostation, welche inzwischen ein Wohnwagenladen ist. Der Bus kommt auch pünktlich von Tana Bru .... aber macht keinen Abstecher mehr, sondern fährt elegant um die Kurve davon. Da stand ich nun mutterseelenallein auf der Straße. Ich versuchte, ein Auto anzuhalten, aber es kam nur alle Stunde eins und hielt nicht an.
Inzwischen war es fast 5 Uhr geworden, und ich hatte mich schon abgefunden, bis zum nächsten Tag warten zu müssen. Da fiel mir siedend heiß ein, daß ich letztes Jahr am Ende meiner Tour von Nuorgam mit dem Postbus um 11:05 Uhr nach Ivalo zurückfuhr. Das sind ja noch 6 Stunden, und die 23 km müßten wohl in flottem Marsch zu schaffen sein. Ich machte mich also auf die Socken.
Dann ein neuer Schock, als ich meine Uhr auf finnische Zeit umstellen will. Ich "verliere" ja eine Stunde wegen des Zeitunterschieds! Diese Stunde sprach gegen mich. Ich mußte also mein Tempo trotz 20 kg auf dem Rücken und Bergschuhen an den Füßen forcieren. Ich schaffte es tatsächlich noch, war aber selbst ganz schön geschafft. Nach einer 200 km langen Busfahrt kam ich wohlbehalten wieder in meinem Stammquartier im Feriendorf in Ivalo (Näverniemen Lomakylä) an.

Nach ausgiebiger Ruhe und am späten Abend fühlte ich mich wieder teilregeneriert und ging noch zum Karaoke aus, mitsingen, ein Bier trinken, etwas tanzen und schwätzen. Alles zu seiner Zeit. Nur so kann man sein Finnisch verbessern!
Hier werden - auch von der Jugend - noch einheimische Lieder gesungen! Die globalisierte Einheits"musik" läßt vielleicht noch ein paar Jahre mit ihren Segnungen auf sich warten.

Nach zwei Tagen zog es mich allerdings wieder fort zu einer Rundtour in die Hammastunturit (Zahnberge), wo ich schon im März diesen Jahres Skitouren und eine Schneemobiltour unternahm. Aber das gehört nicht in diesen Bericht.