Schön ist der Klang der Stille für den Wanderer ...

Bärenmahl in der Tundra

Vorwort

Auch für das Jahr 2006 beschloß ich wie in 2005, der Wildmark (Erämaa) im östlichen Teil des Inarisees einen Besuch abzustatten. Dieses Gebiet hat mich in Bann geschlagen wegen seiner Wildheit und Abgeschiedenheit. Es gab noch vieles zu bestaunen und zu entdecken; ein Sommerurlaub langt dazu bei weitem nicht!

Als grobes Ziel hatte ich mir das Dreiländereck zwischen Finnland, Norwegen und Rußland gesteckt. 

Hinweis: alle Koordinatenangaben erfolgen im finnischen KKJ Kartendatum; der erste Wert ist der Nordwert, der zweite der Ostwert. 

Hier mein Reisebericht

1.      Tag (Dienstag, d. 27.6.06)

Wieder Anreise mit der Postbus (Gold Line) von Ivalo nach Nellim. Haltepunkt ist das "Ortszentrum", gebildet durch den Einkaufsladen NILI-AITTA - Halpa Kauppa  (764097/55293) mit streng geregelten Einkaufs- und Einkehrmöglichkeiten.

Diesmal fuhr mich der Chef selbst auf der Sandpiste. Die Koordinaten des Pfadbeginns zum Kessijärvi kannte ich ja inzwischen (765542/55984). Von hier ist der Weg nicht weit, keine drei Stunden.

Ein Bad in der vom Vorjahr bekannten Wildmarksauna und Abkühlung im Fluß taten gut.

Lager am Kessijärvi

2.      Tag (Mittwoch, d. 28.6.06)

Bei bestem Wetter geht's heute ab 11:30 Uhr zur Piilola-Hütte. Diesmal aber ohne Verhauer. Um 15:30 Uhr erreiche ich die Watstelle am Nuottamajärvi, wo ich eine ausgiebige Rast mache. Um 17 Uhr erreiche ich die zweite Watstelle. Dieser Weg ist z.T. intuitiv, man sollte besser nach Kompaß laufen, da der sichtbare Pfad bald verläuft. Piilola liegt zwar schön, aber es fehlt die Sauna! Dafür machte ich ein Bild von der Mitternachtssonne. Das Zubettgehen muß man sich nördlich des Polarkreises im Sommer erst angewöhnen!

 

Mitternachtssonne am Nuottamajärvi; man bemerke den Sonnenstand und Uhrzeit !

3.      Tag (Donnerstag, d. 29.6.06)

Heute wollte ich Richtung Dreiländereck (11:30 Uhr). Einen Teil des Weges kannte ich vom letzten Jahr. Am Punkt 767216/56925 sollte man sich links halten, rechts geht es in den Sumpf (da merkt man oft erst hinterher!). Grob sollte man sich an die ehem. Telegraphenlinie halten. Allerdings stellt sie nur eine Orientierungshilfe dar; stur danach laufen sollte man gelände- und sumpfbedingt nicht.

Das Geheimnis dieser Telegraphenlinie habe ich noch nicht ganz gelüftet. Die meisten Masten sind abgesägt. Die Linie verläuft ab Piilola; gesehen habe ich sie wieder an der bekannten Sandpiste. Sie diente also ziemlich eindeutig der Grenzsicherung.

Gegen 14:30 Uhr erreiche ich nach einer Orientierungspause (766877/57157) die Hütte am Joukaisenkäsäjärvi (766765/57294). Diese Hütte ist verschlossen und war mit Sicherheit auch eine Grenzsicherungshütte. Bei strahlendem Sonnenschein machte ich ein ausgiebiges Vesper. Da es noch früh war, ging ich noch weiter in Richtung norwegische Grenze. Am Porttivaaranlampi schlug ich dann mein Lager auf (766696/57401). Hier ist man hart an der Grenze zum norwegischen Nationalpark "Övre Pasvik Nasjonalpark" und zu Rußland. Hier soll es nach offizieller Beschreibung noch Bären und Wölfe geben. Das stimmt, aber davon später ......

Am Porttivaaranlampi schlug ich bei schönstem Wetter mein Lager auf (766696/57401).

 

"Bärenlager" am Porttivaaranlampi

4.      Tag (Freitag, d. 30.6.06)

Da der Weg zum Dreiländereck und zurück in einem Tag zu schaffen ist, nahm ich nur das Nötigste mit. Die nächste Nacht wollte ich wieder hier verbringen. Wollte! Aber es sollte ganz anders kommen!

Wenn man glaubt, man ist am Ziel, steht man erst vor einem Y-förmigen Gatter (766470/57701). Nach Öffnen und bravem Schließen erreichte ich um 10:36  Uhr das Dreiländereck (766470/67701). Hier sieht man ein aufgehäuftes Steinmal und Waldschneisen zwischen den Grenzen. Ich lief ein wenig herum, fotografierte und sah mich um.

Dreiländereck / Kolmen Valtion Rajapyyki / Treriksröysa

Da niemand zu sehen war, begab ich mich heimlich ein ganzes Stück auf russisches Gebiet, um zu sehen, wie es dort ausschaut und um ein paar Bilder zu machen. Dies ist an sich illegal, auf die möglichen Folgen wird man auf einer Tafel hingewiesen.

Der Betrachter befindet sich hier auf russischem Staatsgebiet.

Anschließend schlich ich möglichst unauffällig zum Grenzstein zurück. Plötzlich standen zwei bewaffnete norwegische Grenzer vor mir. Mir sackte das Herz in die Hose. Wir kamen ins Gespräch; gut, wenn man mit der Sprache leidlich zurechtkommt. Daß ich eine zeitlang ein gutes Stück illegal in Rußland war, hatten die Gott sei Dank gar nicht mitbekommen.

Im Tal steht ein riesiger Wachtturm, von wo ich mit Scherenfernrohren beguckt und weitergemeldet wurde. Die Grenzer leisten hier ihren Wehrdienst ab. Unglaublich, wo doch hier kaum jemand vorbeikommt! Die Grenzer kommen mit einem geländetauglichen Quad ein Stück hierher. Ihr gutgetarntes Flachzelt sah ich erst beim drittenmal hingucken. Es steht ca. 20 m nördlich des Grenzsteins, direkt am Zaun.

Ich bat die Grenzer noch, von mir ein Lebenszeichen zu Hause  abzugeben, was sie auch zusagten. Hier ist man nämlich außerhalb jedes Mobilfunks. Leider haben sie ihre Zusage nicht eingehalten, wie sich später herausstellte.

Übrigens haben die Russen auch einen Wachtturm, aber irgendeine Bewegung habe ich mit dem Fernglas nicht ausmachen können.

Nach einem ausgiebigem Vesper trat ich meinen Rückweg an. Am Punkt 766666/57471 sah ich plötzlich niedergewälztes Gestrüpp. Alles deutet auf Kampfspuren hin. Fliehen oder nachschauen? Schließlich gewann die Neugier. Ich ging weiter ins Gestrüpp hinein. Und dann sah ich es .............

Reste eines Bärenmahls

Dies sind zweifelsfrei die Überreste eines Elches, wie man an den Hufen und den im Vergleich zu einem Rentier kräftigeren Knochen erkennt. Starker Verwesungsgeruch liegt in der Luft. Den deutlichen Schleifspuren gehe ich nach, und wieder finde ich Aasreste. Als ich fotografieren will, da geschieht es!  ---------------

Der Film ist voll! Also neuen Film und weitermachen. Nach ein paar Metern wieder Aas, und dann nochmals. Mit meiner vermeintlich sicheren Fotoausbeute setze ich meinen Rückweg fort. Leider stellte sich beim Entwickeln zu Hause heraus, daß der ganze Film schwarz war. So hatte ich letztlich nur zwei Bilder auf der Platte.

Als ich mein Lager endlich erreiche, fehlte mir doch der Mut, es mir gemütlich zu machen und hier eine weitere Nacht zu verbringen, zumal die Entfernung zum "Tatort" nur ca. einen Kilometer betrug. Ich packe alles geschwind zusammen, und gegen 14 Uhr erreiche ich wieder die Joukhaisenpesäjärvi-Hütte und um 17:30 Uhr wieder die "sichere" Piilola-Hütte. Unterwegs sieht man an mehreren Stellen ausgebleichte Knochen herumliegen. Das fiel mir bewußt erst jetzt auf, leider ist aus meinen hier gemachten Bildern auch nichts geworden.

5. Tag (Samstag, d. 1.7.06)

Auf bekanntem Weg geht es wieder zurück zur Kessijärvi-Hütte.

Aufbruch gegen 11:45 Uhr. Erste Watstelle gegen 13 Uhr. Zweite Watstelle gegen 14 Uhr und ausgiebige einstündige Rast wegen großer Hitze. Im Weiterweg sollte man am Punkt 766065/56349 aufpassen und nicht die deutlichen Spuren nach links nehmen, sondern sich rechts durchs Gestrüpp schlagen, wo man auch bald wieder Spuren entdeckt. Erst nach einigem Irrsuchen merkte ich, daß ich mich verlaufen hatte. Gegen 18 Uhr erreichte ich dann doch die Kessijärvi-Hütte. Nach einer effektiven Laufzeit von 5 1/4 Stunden tat eine Sauna natürlich wieder gut.

6. Tag (Sonntag, d. 2.7.06)

Da es am Kessijärvi so schön ist, beschloß ich, einen Ruhetag einzulegen, unterbrochen nur durch eine Kurztour um den nördlich gelegenen Matalajärvi. Da es weglos über Steine, durch Moor und über Bäche ging, dauerte es schließlich doch mehrere Stunden. Eine Entenmutter zeigte sich sehr aufgeregt und flatterte "provokativ" vor mir hin und her, während ihre Jungen schnell das Weite suchten. Am Punkt 766095/56275 kreuzt man eine Motorschlittenspur. Zum Überqueren des Kessijoki am südlichen Ende des Matalajärvi suchte ich mir zwei Baumstämme.

7. Tag (Montag, d. 3.7.06)

Einmal muß geschieden sein! Vor mir lagen ca. 25 km bis Nellim. Dieser Tag war wohl der heißeste, an den ich mich hier erinnern kann. Wasser ist nur an zwei Stellen vorhanden, am Beginn der Sandpiste (765542/55984) und nach 15 km am Paatsjoki (764673/55606), an der russischen Grenze. Allmählich zogen Wolken auf und es begann zu grollen. 5 km vor meinem Ziel begann ein heftiges Gewitter mit starkem Niederschlag, so daß ich ein Notbiwak einnehmen mußte. Da man sich als Optimist hierzu meist zu spät entscheidet, erreichte ich völlig durchnäßt den Kaufladen und die Baari in Nellim. Erwartungsvoll wollte ich mich ausruhen und trocknen. Aber ohweh! Ab 18 Uhr ist hier montags tote Hose. Frustriert suchte ich mir im Wald ein Nachtlager. Gott sei Dank waren meine Ersatzsachen gut verpackt, so daß ich die Nacht gut überstand. Anhaltendes Gewitter und Dauerregen sollten aber eine mehrtägige Schlechtwetterperiode einleiten.

8. Tag (Dienstag, d. 4.7.06)

Früh um sieben bestieg ich den Bus nach Ivalo, wobei ich in meinen Reservesachen sicher keinen guten Eindruck auf den weiteren Fahrgast machte. Erst auf halber Strecke erreichte ich mobilfunkmäßig gesehen wieder die Zivilisation. Das Trocknen meiner Sachen, des Zeltes und der übrigen Ausrüstung dauerte mehrere Tage. Während dieser Zeit schaute ich mir bei ein paar kleineren Radtouren die Gegend an.

Resümee:

Eine nicht zu anstrengende Tour, aber gespickt mit vielen Erlebnissen! Allerdings war ich froh, daß diese nicht zu "hautnah" waren.

 

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